Kerstin Brader in der „Endlosschleife“: 144 Kilometer in 24 Stunden

Nordenhamerin läuft von 9 Uhr am Samstag bis um 8 Uhr am Sonntag jede volle Stunde 6 Kilometer

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Um 9 Uhr am Samstag zeigt die Adidas-Running-App, dass Kerstin Brader 6 Kilometer gelaufen ist. Um 10 Uhr, um 11 Uhr und um 12 Uhr wird dieselbe Strecke erneut angezeigt. Ist die App kaputt? Oder wie erklären sich die stündlichen Wiederholungen? Nein, die Technik funktioniert. Die Nordenhamerin nimmt an einem virtuellen Infinity-Loop-Event teil. Sie ist sozusagen in einer Endlosschleife „gefangen“.

Zu jeder vollen Stunde soll eine selbst gewählte 6-Kilometer lange Runde 24 Mal in Folge gelaufen werden. Bundesweit versuchen rund 25 Läuferinnen und Läufer die 144 Kilometer in 24 Stunden zu schaffen. Eine davon ist Kerstin, die auch an der Sportgasm-Laufchallenge teilnimmt. Sie hat vor den Infinity Loops bereits 100 Kilometer in den vergangenen 7 Tagen auf dem Tacho. Zudem nimmt sie derzeit an einer 1000-Kilometer-Challenge (von Oktober bis Dezember) teil, um ihr persönliches Jahresziel von 3000 Kilometer zu schaffen.

Spekulationen über einen Abbruch

Als wir am Samstagmittag darüber informiert werden, was Kerstin da vorhat, sind wir zunächst skeptisch. Zwischen den Läufen sind zwar jeweils rund 20 Minuten Pause. Aber wer soll bitte die Distanz von über drei Marathons schaffen? Wie kommt man auf diese verrückte Idee? Und wann wird der Versuch abgebrochen?

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Um es vorwegzunehmen: einen Abbruch wird es nicht geben. Bei einigen Runden freut sich Kerstin über Begleitung. Sie wird von Tanja Lischewski mit Energy-Gel versorgt. In Sachen Verpflegung hat die Nordenhamerin gut vorgesorgt. Dazu später mehr.

Überraschend fit und gut gelaunt

Auch Peter Jessen und Sonja von Pickardt leisten Kerstin am späten Abend Schützenhilfe. Peter berichtet um Mitternacht, dass Kerstin tapfer durchhält und sich über Unterstützung freuen würde. Ich melde mich für 1 Uhr bei Kerstin an und begleite sie auf ihren Runden 17 und 18. 

Überraschenderweise treffe ich auf eine gut gelaunte und strahlende Frau, die alles andere als erschöpft wirkt. „Das Tief ist bereits überwunden“, sagt sie. Wir kennen uns vom Bauernhof-Bootcamp, haben bisher aber nur wenig miteinander gesprochen. Die nächsten zwei Stunden werden ein netter Klönschnack.

12.000 Kilokalorien werden verbrannt

Kerstin Wohnzimmer hat sich in eine „Lauf-Zentrale“ verwandelt. Sport-Kleidung zum Wechseln, Nudelauflauf, Kartoffeln, Traubenzucker, Cola und weitere Energielieferanten liegen parat. Kohlenhydrate sind wichtig, schließlich verbrennt Kerstin pro Runde rund 500 Kilokalorien – also 12.000 Kilokalorien in 24 Stunden. Gekocht wurde bereits am Vortag.

Um Punkt 1 Uhr geht es los. Die Lauflichter werden angeschmissen, die App gestartet und es geht sechs Kilometer durch etliche Nebenstraßen zwischen der Hansingstraße und dem Mittelweg. Autos sind um diese Uhrzeit keine mehr unterwegs. Obwohl Kerstin zu diesem Zeitpunkt schon über 100 Kilometer gelaufen ist, hat sie keine Schwierigkeiten, Fragen zu beantworten.

Immer ein Quetschie in der Tasche

Mit dem Laufen hat die Nordenhamerin 2015 begonnen. Seitdem geht sie regelmäßig unterwegs. „Ohne Trainingsplan. Ich laufe einfach los“, sagt sie. Einen Marathon ist sie bisher noch nicht gelaufen und, hat aber unter anderem den virtuellen New-York-Halbmarathon absolviert. Dienstags trainiert sie mit der Laufgruppe von Jörg Brunkhorst.

Die 43-Jährige läuft ungefähr 6.30 Minuten pro Kilometer. Ein angenehmes Tempo, um sich unterhalten zu können. Nach 40 Minuten kommen wir wieder bei ihr zu Hause an. 500 Meter vor dem Ziel zückt sie ein Quetschie aus der Tasche, um die leeren Speicher wieder aufzufüllen.

Treppenstufen müssen nach jedem Lauf erklommen werden

Wie sollte es auch anders sein: Kerstin wohnt nicht im Erdgeschoss, sodass nach jedem Lauf noch einige Treppenstufen zu bewältigen sind. „In der Pause werden Handy, Uhr und Lauflampe geladen“, erzählt sie. Ab und an muss auch die Kleidung gewechselt werden. „Hinlegen werde ich mich auf keinen Fall, dann komme ich nicht wieder hoch.“ Sie trinkt einen Schluck Cola, isst eine Kartoffel und um 2 Uhr geht es wieder los.

Das Aufstehen fällt mir persönlich schwer, Kerstin hat damit weniger Probleme. Draußen ist es gefühlt deutlich kälter, schließlich ist der Schweiß gerade erst getrocknet. Wir butschern trotzdem los. Wie ist sie eigentlich auf die Idee gekommen? Kerstin ist Mitglied einer Facebook-Gruppe, die aus Läufern besteht. Im Rahmen der 1000-Kilometer-Challenge hat der Organisator zu den Infinity-Loops aufgerufen. Alles funktioniert auf Vertrauensbasis. Der Initiator gibt nach der 7. Runde in einem Video bekannt, dass es für ihn nicht weitergeht. Wir sind bereits in Runde 18, die nach 40 Minuten geschafft ist. Der Triple-Marathon ist zum Greifen nahe.

Die Badewanne ruft

Auch aufgrund der Sportgasm-Challenge sind meine Beine schwer. Ich habe größten Respekt vor Kerstins Leistung. Noch immer wirkt sie gut gelaunt, als sie sich um 3 Uhr erneut auf den Weg macht. Ich frage noch, was sie am Sonntag machen wird. „Erst einmal geht es in die Badewanne und dann werde ich natürlich schlafen“, antwortet sie. Und wann wird sie wieder laufen? „Ein Regenerationslauf muss sein.“ Sonntag? „Mal schauen, vielleicht auch Montag.“

Dann verabschiede ich mich und wünsche ihr viel Erfolg und Durchhaltevermögen. Es stehen noch 6 Runden auf dem Programm. Ich bin mir sicher, dass Kerstin es schaffen wird. „Wenn ich mich nicht verletze, ziehe ich das jetzt durch. Aufgeben kommt nun nicht mehr infrage“, zeigt sie sich kämpferisch.

Um 8 Uhr am Sonntagmorgen ist die letzte Runde dran. Einige Freunde haben sich am Straßenrand verteilt, um Kerstin anzufeuern. Am Ende bekommt sie einen Pokal und eine Flasche Sekt überreicht. Danach kann sie den letzten Haken auf ihrem Infinity-Loop-Bogen setzen. Die 144 Kilometer sind geschafft. Wahnsinn.

Die Bilder

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